Zur Orgelgeschichte der Kirche von Mülsen St. Niclas

Orgel

Im Jahre 1632 wurde das seit 1539 evangelische Gotteshaus, dessen früheste Erbauung zwischen 1170 und 1230 zu vermuten ist, von kaiserlichen Soldaten des Generals Holck niedergebrannt. Dem fielen auch die Kirchenbücher zum Opfer, die Auskunft über eine Orgel vor dieser Zeit hätten geben können. Nach dem Wiederaufbau 1636 hatte die Kirche 100 Jahre kein derartiges Instrument. Man musste sich mit Schulmeistern begnügen, welche als Vorsänger mit kräftigen Stimmen den Gemeindegesang anstimmten und führten.

1736 schuf der einheimische Zimmermann und Orgelbauer Georg Eger eine kleine Orgel, die wie es in den meisten Kirchen üblich, auf der Empore dem Altar gegenüber, dem so genannten „Schülerchor“, stand. Als Zeugnis dafür ist noch heute ein Zifferntafel-Kästchen zu sehen, in welchem mittels drei fünfeckiger Zahlenspindeln die erforderlichen Gesangbuchnummern angezeigt werden konnten. Darunter befindet sich, seit 1799 verborgen, eine Balustrade, die einst als Blickfang für die kleine Barockorgel diente.

Nach dem Freitod Egers 1750 übernahm 1755, der später bekannte westsächsische Orgelbauer Johann Jacob Schramm, ein Müllersohn aus Mülsen St. Jacob und ein Schüler des Zwickauer Orgelbaumeisters Donathi, dessen Werkstatt und setzte die hiesige Orgelbauertradition fort.

1796, nach fortwährenden Reparaturen Schramms an diesem kleinen Instrument, machte er bereits im hohem Alter den Vorschlag, für seinen Heimatort eine neue und größere Orgel zu bauen. Dem stimmte die Gemeinde und die Kircheninspektion, angeregt durch das gute Orgelspiel des Schulmeisters mit Namen Gabriel Keppel, zu. Schramm wurde aufgefordert, Riss und Kostenanschlag zu machen und versprach, für 1200 Taler das Werk zu bauen. Doch mussten, als es fertig war, noch 200 Taler mehr bezahlt werden. Die diesbezüglichen Dispositionen sind im Pfarrarchiv noch vorhanden.

Nach etwa dreijähriger Bauzeit konnte die neue Orgel am Tag Johannes des Täufers, dem 24. Juni 1800, geweiht werden. Jedoch stellte sich heraus, dass sie nach der Fertigstellung zu groß, vor allem zu hoch geworden war und nicht in die gewohnte Stelle passte. So musste über dem Altar ein altes, gotisches Gewölbe aus der Gründerzeit der Kirche heraus gebrochen werden, um ihr im höchsten Punkt des Innenraumes Platz zu schaffen.

Das Prospekt schuf nach Vorlagen und Anweisung von Schramm der Bildhauer Johann Georg Dost aus Oberlungwitz, was die Gutsbesitzerin Frau Rosine verw. Vettermann aus Mülsen St. Jacob einschließlich der Kanzel mit gutem Golde für 105 Taler verzieren ließ.

Die Weihepredigt hielt Superintendent Casparie aus Waldenburg über das Bibelwort: „Wie lieblich sind deine Wohnungen Herr Zebaoth“ aus Psalm 84. Der Komponist Kantor Christian Gotthilf Tag aus Hohenstein-Ernstthal, ein Schüler des Dresdner Kreuzkantors Homilius und damit Enkelschüler Joh. Seb. Bachs, examinierte die neue Orgel und stellte dabei fest, dass sie gut und dauerhaft ist und schreibt am Schluss seines Gutachtens:

„Überhaupt hat sich Herr Schramm bei diesem Bau in allen Stücken als ein Meister der Orgelbaukunst erwiesen, welches hierdurch attestiert.“

Jedoch hielt dieses „dauerhaft“ nur bis zum Jahre 1920, wo sie durch eine nahezu zwei drittel größere Orgel, ein pneumatisches Instrument der Orgelbaufirma Schmeißer aus Rochlitz ersetzt wurde. Vorher kam es bereits zu mehreren aufwendigen Reparaturen. Denn ein all zu langer Windkanal vom Blasebalgstandort auf dem vorderen Dachboden über dem Kirchenschiff, dessen Lederbezüge im Laufe der Jahrzehnte sehr porös wurden, schadeten der alten Orgel sehr.

Als 1917 außer den zwei großen Glocken noch die 49 Prospektpfeifen vom Militärfiskus beschlagnahmt wurde, war das Schicksal der historischen Schrammorgel besiegelt. Nur das ursprüngliche Gehäuse blieb erhalten, was aber im Zeitgeschmack des ausgehenden 19. Jahrhunderts durch Übermalen mit brauner Lasurfarbe seine spät barocke Pracht verlor.

1932 wurde es erneut mit einer rotbraunen Farbe überzogen, die im Laufe weniger Jahre sehr nachdunkelte und es völlig entstellte. Geschmacklose elektrische Lampenfassungen taten noch das Übrige. Bei einer umfassenden Kirchenrestaurierung von 1955-1957 kam der Vorschlag, das Prospekt ganz zu entfernen und durch eine moderne Orgelpfeifenwand zu ersetzen. Doch dem stimmte der sächsische Denkmalpfleger Dr. Laudeley nicht zu, denn er erkannte den Wert des Prospekts und ließ es in hellen Farben mit reichlich Gold und Silber verziert, restaurieren.

Nahezu 40 Jahre später wurde eine erneute derartige Arbeit notwendig, die der namhafte Restaurateur Helmut Georgie aus Lößnitz/Erzgeb. mit seinen Mitarbeitern ausführte. Er stellte dabei den farblichen Urzustand von 1799 fest und konnte es in alter Schönheit originalgetreu im „Louis seize“ oder „Zopfstil“, wie es der Dresdner Orgelwissenschaftler Dr. Ulrich Dähnert deutete, wieder herstellen.

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