Die Bilderdecke der Kirche von Mülsen St. Niclas

Wer die uralte Dorfkirche St. Niclas in Mülsen betritt, dessen Blick wird sofort unwillkürlich nach oben gelenkt und findet über dem Schiff und über der Empore auf einer Fläche von etwa 150 Quadratmeter eine mit 32 großen Bildern auf Holz bunt bemalte Kassettendecke. Die Gemälde sind umgeben und eingefasst mit Rahmen in einfacher, barocker Schönheit, deren farbige Felder Kreuze erkennen lassen.

Diese Decke gehört zweifellos zu den schönsten aller sächsischen Dorfkirchen.

Weil sie im Innern des Gotteshauses durch keine einzige Säule abgestützt ist, wird sie in der Mitte von einem 11 Meter langen Balken getragen und geteilt, der wiederum mittels eines so genannten Sprengwerkes dreimal am Kirchendach angehängt ist. In diesem Träger erkennt man die eingekerbte Jahreszahl 1635. Das ist das Jahr des Richtfestes der im „Dreißigjährigen Krieg“ niedergebrannten und nun wieder aufgebauten Kirche.

Die Entstehung der Bilderdecke

Als im Jahre 1632 beim Einfall kaiserlicher Truppen aus Bayern im Kurfürstentum Sachsen viele Orte nieder brannten, wurde auch die Kirche St. Niclas ein Raub der Flammen. Deren stehen gebliebenen, sehr starken Mauern konnten jedoch in nur drei Jahren Bauzeit wieder unter Dach gebracht werden.

1636 kam es schon zur Wiedereinweihung der Kirche. Fünfundvierzig Jahre später, also 1681 verpflichtete man den Maler Tobias Weiß aus Crimitschau zur Erstellung der Bilderdecke. Der so genannte „Dingzettel“ (Auftrag) mit der lateinischen Überschrift „Cum Deo“ (Mit Gott) ist noch vorhanden.

Die Zierade und Umrahmung stellte der Hartensteiner Tischlermeister Christianus Weber auf ausdrücklichen Befehl des Fürsten Otto Albert von Schönburg her.

Die Initiative für die Erstellung der Bilderdecke ging von dem von 1641 - 1682 in St. Niclas amtierenden Pfarrer Georgius Heber aus Wildbach bei Schneeberg aus. Dessen Vorstellungen waren, dass die Decke so werden sollte, wie die in seiner Heimatkirche, nur viel prächtiger und das geschah auch.

Die Restaurierungen

1799 drohte der Decke ein Abriss. Durch eine zu hoch gewordene Orgel des einheimischen Orgelbauers Johann Jakob Schramm sollte sie abgetragen und in den Dachstuhl hinein ein großes Tonnengewölbe eingezogen werden. Doch dieses Vorhaben zog einen großen Proteststurm der Dorfbewohner nach sich, so dass es zu einer anderen Lösung kam.

Dennoch war die Decke immer wieder Gefahren ausgesetzt, so kam es 1934 in dem damals neuen Heizungskeller zu  einer Brandentwicklung, die jedoch glücklicherweise noch rechtzeitig bemerkt werden konnte. Daneben ist in den Kirchenbüchern mehrmals von Schneeberäumungen  auf dem darüber befindlichen Boden die Rede, der durch undichte Stellen in dem langen Dach eindringen konnte. Daher mussten die Gemälde bereits im Jahre 1857 restauriert werden. Diese Arbeit führte der Mülsener Maler Bochmann aus.

Bei einer umfassenden Kirchenrenovierung im Jahre 1890 wurde die gesamte Ausstattung einschließlich den Feldern der Decke, dem Modegeschmack dieser Zeit entsprechend, mit einer braunen Lasurfarbe überstrichen, die im Laufe der Jahre sehr dunkelte und alles in ein nichts sagendes schmutziges Gewand hüllte.

Aber den größten Schaden fügte man der Bilderdecke, wenn auch ungewollt und unwissend, 1932 mit dem Einbau einer Niederdruckdampfheizung  zu. Es wirkten die krassen Temperaturunterschiede , die nun überall herrschten, auf die Gemälde äußerst abträglich. Die starren Farben platzten ab oder rollten sich zusammen und in den Brettern, die bereits 1636 angebracht wurden, kam es zu Riefen und langen Rissbildungen.

Für eine in der Mitte der dreißiger Jahre geplante Restaurierung durch den Dresdener Maler Helas wurden keine finanziellen Mittel staatlicherseits gewährt. Hinzu kam der Zweite Weltkrieg und die schweren Nachkriegsjahre. Die Bilder waren endgültig dem Verfall preisgegeben, und deren völlige Überstreichung schien unvermeidlich.

Als der Pfarrer Ehrhard Vogel (Pfarrer in Mülsen St. Niclas von 1950-1976) seiner Kirchgemeinde diesen Umstand bekannt geben musste, ging spontan eine Flut von Geldspenden ein, so dass der Kirchenvorstand buchstäblich in letzter Minute beschließen konnte, das Kunstwerk von 1681 erneuern zu lassen. Das Landesamt für Denkmalpflege Dresden beauftragte den Kunstmaler Werner Juza mit dieser Arbeit.

Die 1890 aufgebrachte Firniskruste  an den Feldern und Rahmen musste entfernt werden, worunter sich noch Reste der ursprünglichen Farbe befanden. Herr Juza erkannte sofort und ohne Zweifel, dass die aufgefundene Colorfassung des Mittelbalkens mit seinem Taustrang und Schiffskehlen einem öfters in Kirchen vorkommenden Zierat entsprachen. Diese Farben (weiß, blau und rot) bestimmten die Symbolik der Stiftshütte, welche das Volk Israel mit der Bundeslade bei seiner vierzigjährigen Wanderung  durch die Wüste Sinai ständig bei sich führte. Gott spricht nach  2.Moses 26, Vers1 zu Mose: „Die Wohnung sollst du machen von gezwirnter weißer Leinwand, von blauem und rotem Purpur und von Scharlach“ (Übersetzung nach Martin Luther).

In weniger als einem Vierteljahr hatte der Künstler und seine fleißigen Mitarbeiter das Werk der Restaurierung vollendet. Eine der schönsten Decken sächsischer Dorfkirchen war gerettet.

Eine weitere Restaurierung machte sich in den neunziger Jahren erforderlich. Nach vier Restaurierungsabschnitten im Zeitraum von fast 2 Jahren wurde am Palmsonntag des Jahres 2000 die Bilderdecke über dem Kirchenschiff mit ihren 32 Einzelgemälden wieder voll sichtbar. Diese Restaurierung wurde durch die Restauratorenwerkstatt GEORGI aus Lößnitz/Erzg. und unter der Mitwirkung des jungen Restaurators Holger Blauhut aus Mülsen St. Micheln ausgeführt.

Die Restaurierungen trugen dazu bei, dass die Kirche von Mülsen St. Niclas mit ihrer kostbaren Ausstattung und der wertvollen Bilderdecke, einer “Biblia pauperum (Armenbibel)“ in ihrer historischen Schönheit erhalten werden konnte und damit das Vermächtnis unserer glaubenstreuen Vorfahren an uns und kommenden Generationen weiter gereicht werden kann.

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